Archive for Juli, 2007

Nina Ergin

geboren in Graz
lebt in Istanbul
Kunsthistorikerin

Ich hatte nie vor wegzuziehen, meine Familie und Freunde waren in Graz, mein damaliger Freunde auch. Ich hatte nicht einmal das Bedürfnis nach Wien zu ziehen, ich war ganz daheim. Mit dreiundzwanzig bin ich mit einem Austauschprogramm nach Minnesota gegangen.
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Die Universität dort hat mir gefallen. Was soll ich da über die Karl-Franzens Universität sagen? Am Kunstgeschichteinstitut waren wir zu viele Studenten, die meisten davon weiblich. Viele studierten ohne Plan und Ziel. Die Professoren haben uns dementsprechend behandelt: ‘Jaja, wir wissen, du heiratest sowieso später einmal einen Doktor und bis dahin geben wir dir halt noch ein bisserl ein Wissen mit.’ Die Professoren waren alle männlich und je weiter es in der Hierarchie nach unten ging, desto eher waren die Stellen von Frauen besetzt. In den USA haben sich die Professoren persönlich gekümmert und auf unsere Ansichten Wert gelegt. Das hat mir gefallen. Nach dem Austauschjahr war ich noch ein Jahr in Graz. Aber ich war eigentlich unglücklich. Ich hab noch schnell den Magister fertig gemacht und ein Übersetzerzertifikat und bin dann zurück. Seit damals habe ich mich in Graz nicht mehr zu Hause gefühlt.
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In Minneapolis habe ich auch meinen Mann kennengelernt. Murat ist Türke, er hat dort Soziologie studiert. 2001 bin ich in die Türkei, um für meine Doktorarbeit zu recherchieren. So sehr ich nach Österreich mit meinem Herzen in Minneapolis war, so sehr hat es mich dann nach Istanbul gezogen. Ich konnte mir immer weniger vorstellen, wieder weg zu gehen.
Murat, der Türke, war in den USA. Ich, die Österreicherin, in der Türkei. Eine interessante Konstellation. Einige Jahre war das ein ziemliches Hin und Her. Er ist teilweise zurück gekommen für seine Doktorarbeit und seinen Militärdienst. Ich hatte einen Job an der Bilgi Universität, am Geschichte Institut. Wir sind danach nochmals für ein Jahr in die USA, weil ich eine Professur bekommen habe. Aber sowohl ich als auch mein Mann hatten Heimweh und nach dem 11. September ist dort alles schwieriger geworden. Auf der einen Seite wollen die Amerikaner jetzt mehr über islamische Kultur lernen und stellen deshalb Professoren an, die sich damit beschäftigen. Auf der anderen Seite versauern sie einem mit Visaproblemen das Leben. Das ist zweischneidig.
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Im Sommer 2005, kurz nach unserer Heirat in Las Vegas, sind wir wieder zurück nach Istanbul. Seither kann ich mir nicht mehr vorstellen, woanders zu leben. Wir sind beide an der Koç University beschäftigt, einer Privatuni nach amerikanischem Vorbild. Das ist hier eine amerikanische Enklave in einem türkischen Umfeld. Amerikanisch ist, dass alles auf eine sehr professionelle Art und Weise funktioniert. Studenten werden mit Respekt behandelt, es ist durchsichtig, wie Entscheidungen getroffen werden. Das türkische Umfeld erscheint aus österreichischer Perspektive vielleicht chaotisch. Aber wo man in Österreich an Regeln stößt, und die Leute sagen, das geht nicht, findet man hier immer einen Weg – oft über die Menschlichkeit. Es herrscht auch ein anderes Zeitempfinden. Man bleibt häufig im Verkehr stecken und ist halt zu spät dran. Das muss man einfach lockerer nehmen.

Von außen betrachtet schaut die Gesellschaft männerdominiert aus. Aber es kommt sehr auf die Schicht an und auch auf den Stadtteil. In traditionelleren Vierteln sieht man kaum Frauen und in den Kaffeehäusern dort sitzen nur Männer. Aber so ein Umfeld ist nicht nur negativ: In traditionellen Familien wird von Frauen nicht erwartet, dass sie arbeiten gehen. Auf indirekte Weise haben sie große Macht, denn es ist üblich, dass die Frauen diejenigen sind, denen die Wohnung gehört. Sie haben kein Einkommen, aber sie haben Besitz. Traditionelle Ehen beruhen vielleicht weniger auf Liebe, sondern werden oft als wirtschaftliche Union angesehen. Es ist eine andere Art der Partnerschaft, und wenn man sich die Scheidungsraten in Ländern anschaut, in denen die Liebesheirat die Norm geworden ist, was soll man dann sagen.

In sozial höheren Schichten haben Frauen den gleichen Zugang zu Jobs wie Männer, besonders an den Unis. Im Vergleich schneidet Österreich da schlecht ab. Das ist teilweise so, weil in Österreich von Frauen immer noch erwartet wird, dass sie trotz Beruf den Haushalt allein machen. Es liegt aber auch daran, dass es in der Türkei so viele billige Arbeitskräfte gibt, dass man sich eine Putzfrau, ein Kindermädchen leisten kann. Man kann diese Situation positiv oder negativ sehen. Frauen in gehobenen Positionen können ihre Jobs auf dem Rücken der – sozial schlechter gestellten –Frauen machen, die putzen, kochen und auf die Kinder schauen.

Murat, ich und unsere zwei Katzen wohnen in einer Dreizimmerwohnung am Universitätscampus. Der Campus liegt außerhalb der Stadt, auf der europäischen Seite, ganz im Norden am Bosporus. Unser Campus hat einen Zaun rundum und es gibt Sicherheitsbeamte. Das war für mich anfangs recht hart zu schlucken. Gehen wir aus dem Campus heraus, etwa an den Bosporus, gibt es da einen kleinen, relativ traditionellen Ort, Sariyer, der mittlerweile auch in Istanbul integriert ist, das seine Arme wie ein Octopus ausstreckt.
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Unser soziales Umfeld ist durch die Uni, unsere Freunde und Murats Familie geprägt. Das ist keine wohlhabende Familie, sondern sie sind recht einfache Menschen mit einer richtigen Bauernschläue. Mit meiner Schwiegermutter habe ich großes Glück. Sie mischt sich nicht ein in unser Leben und akzeptiert mich so wie ich bin. Es hat aber auch lange gedauert, bis Murat seiner Familie gesagt hat, dass er eine nicht-türkische Freundin hat, und bis er mich dann vorgestellt hat. In der türkischen Gesellschaft stehen Kinder unter starkem Druck, die Erwartungen der Eltern zu erfüllen und Respekt für die Elterngeneration zu zeigen. Ich bewundere die Eltern von Murat, wie sie mit geringen Mitteln drei Kinder so großgezogen haben, dass zwei es geschafft haben, an Eliteuniversitäten zugelassen zu werden – auch ohne Vorbereitung an einer Privatschule. Und ich finde, sie haben sehr anständige und liebevolle Menschen großgezogen.
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Mit Graz, muss ich leider sagen, assoziiere ich inzwischen eine gewisse Langeweile. In der Stadt sperren die Cafes zu einer Zeit zu, wo in der Türkei das Leben auf der Straße noch nicht einmal richtig angefangen hat. Zum Teil langweilt mich auch die Gedankenwelt der Leute ein bisserl. Spricht man über andere Kulturen, stößt man auf wenig echtes Interesse und kriegt so Plattitüden zurück wie ‘Ja, ja, das ist halt eine ganz andere Kultur’ oder ‘Zuhause ist es doch am schönsten.’ Für manche ist die Ruhe in Graz sicher wunderbar. Für mich allerdings ist das nichts. Je älter man wird, desto mehr findet man über das eigene Naturell heraus. Wenn man aus verschiedenen Kulturen Aspekte nehmen und so zusammenzustellen kann, dass man sich rundum wohl fühlt, dann ist das ideal. In meinem Leben ist das soziale Umfeld türkisch, das berufliche Umfeld die USA, und Österreichisches habe ich auch beibehalten – ein Auge auf die Lebensqualität zu werfen, Semmelknödel und Weihnachten.
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Aufgezeichnet, redigiert und arrangiert von Wolfgang Haas. © Wolfgang Haas 2007

Paulus M. Dreibholz