Ruth Ziambras-Copony
Geboren in Graz
Lebt in Nordgriechenland
Hausfrau/Dolmetsch
Vor fast drei Jahrzehnten, im Jahr 1979, ist Ruth Ziambras-Copony nach Griechenland gezogen. In Graz ist sie aufgewachsen, hat studiert und als Dolmetscherin gearbeitet und sich verliebt. Heute lebt sie zusammen mit ihrem Mann teils in Saloniki, teils in den Bergen Mazedoniens.
Wir waren eine dieser Studentenehen, von denen im Lauf der Zeit fast keine übrig geblieben ist.
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Ich war mit einem Griechen verheiratet. Wir haben schon zwei Kinder gehabt. Wir waren eine komplette Familie. Ich habe gearbeitet, er hat studiert und auch gearbeitet. Wir haben uns durchgekämpft. Sakis, mein Mann, hat sich tapfer durchgekämpft. Wir haben Freunde gehabt, es ist uns gut gegangen, wir haben uns wohl gefühlt. So war das von meiner Seite aus. Na ja, wir waren in Graz. Wir waren schon Jahre zusammen und irgendwann war von seiner Seite das Gefühl da, er kann sich nicht entwickeln. Wir haben das besprochen. Eine Chance für ihn, der in Österreich gelebt hat, dass er sich einmal nicht als Ausländer fühlen muss. Das war ich ihm schuldig.
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Ich meine, er war Grieche. Er hatte eine gute Arbeit. Er war im Freundeskreis anerkannt. Aber wirkliche Entwicklungsmöglichkeiten hat es für einen Ausländer nicht so viele gegeben. Das war schwierig. Da kommt man grad bis zu einem Bereich und weiter ist es nicht mehr gegangen. Es wurden dann halt Österreicher oder Menschen aus nördlicheren Ländern eingestellt, aber je weiter das nach Süden gegangen ist … Für uns war das der Grund, dass wir uns entschlossen haben, es einmal auf der anderen Seite zu versuchen.
Weggehen ist kein Problem bis man wirklich geht. Wie es dazu gekommen ist, dass ich mit meiner eigenen Familie, mit den Kindern weggehe, war das dann schon etwas anderes, das ist ganz klar. Da waren unterdrückte Tränen und so weiter. Das war eine ganz verschwommene Sache. In dem Moment konnte ich nicht, obwohl ich sonst nicht leicht die Nerven verliere. Ich hab mich da halt abgedreht und bin weggegangen.
Wenn ich mich nicht ausdrücken kann, das ist fürchterlich. Das Erste ist einmal die Sprachbarriere. Erst danach kommen die anderen Ebenen, das Soziale. Damals hier im Süden war das die Stellung der Frau. Dass eine Frau am Abend irgendwo weggehen könnte war undenkbar. Ich hab das natürlich gemacht. Das war ein Fauxpas. In Österreich, wenn ich zurückdenke wie meine Großmutter agiert hat und im Vergleich dazu ich, hat es da keinen großen Unterschied gegeben. Hier war das eine andere Welt, sehr viel traditioneller. Das hat sich gewandelt. Ja, so war die Ankunft hier. Für mich persönlich hat das gut funktioniert, ich bin eigentlich gut akzeptiert worden.
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Der eine Sohn war zwölf und ist plötzlich in eine andere Welt geschmissen worden. Für ihn war das am allerschwierigsten. Er war in Österreich ein guter Schüler, hat sich durchsetzen können, und plötzlich war er, na ja, auch sprachlos und hat sehr gekämpft. Im Nachhinein glaube ich, es hat keine tiefen Narben hinterlassen, allerdings vorübergegangen ist es nie. Er hat nach wie vor so seine Geheimbeziehung zu Österreich. Seine Kindheit, die Großeltern, die Freunde, der ganze Familienkreis – er hat das beibehalten und ist davon nie weggegangen. Das zweite Kind war noch klein. Der konnte griechisch nicht und deutsch auch nicht so recht und da hat er sich locker angepasst. Nach Monaten wollte er nicht, dass ich mit ihm deutsch spreche, wenn irgendein anderer dabei ist. Er wollte nicht dieses Ausgesetzt-Sein, er war so schon recht anders. Ein weißblondes Kind und die Kinder auf der Straße haben Heil Hitler zu ihm gesagt und der blonde Floh und was weiß ich. Dann ist er weinend nach Hause gekommen. Ich habe immer gewaltlos erzogen. In dem Fall hab ich gesagt: Ok, das nächste Mal, wenn jemand Heil Hitler zu dir sagt, haust ihm einfach eine runter (lacht). Das hat er gemacht, das Problem war erledigt.
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Man hat damals noch Briefe geschrieben, die ersten Jahre stundenlang und das war ein schöner Kontakt. Wer schreibt heutzutage schon dem anderen? Ein Brief wird gedanklich konzipiert. Der geht über das Hirn und das E-mail ist so, wie man eben redet. Einmal im Jahr sind wir vielleicht hinaufgefahren. Reisen mit dem Flugzeug war sehr teuer. Ja, das war eine andere Welt, sie war damals noch viel größer. In der Hinsicht hat sich viel getan, aber von diesen technischen Sachen abgesehen? Wirkliche Freunde, die man auch dann, wenn man sie nicht sieht, in sein persönliches Leben einbeziehen will, gibt es nicht so viele. Die anderen Kontakte hat man eh immer –wo der Tisch gedeckt wird, kommen die Esser – so ist das ja.
Für mich unterscheiden sich Österreich und Griechenland. Z. B. das Kulturelle, das mir Graz bietet. Ich lebe in Griechenland in der Provinz und komme schon an die Kultur, aber ich muss nach Saloniki oder Athen fahren. Dagegen in Graz, da gibt es schon ein größeres Angebot.
Komme ich hinauf, sehe ich, dass die Leute irgendwie auch sozial anders reagieren. Wenn irgend ein Fremder zu uns nach Hause kommt, auch wenn den gar niemand will, man würde ihn einen Monat bei sich aufnehmen. Österreicher würden das nicht, abgesehen von Ausnahmen. Das ist das, was für mich negativ ist an Österreich, das Schnorrertum. Speziell hier, wo die Leute sehr großzügig sind, hat jeder Erfahrungen gemacht auf dem Gebiet und das ist mir unangenehm.
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Angenehm sind andere Dinge. Dass man sofort wieder ins Gespräch kommt. Der Österreicher öffnet nicht unbedingt den Kühlschrank, aber die Seele öffnet er schon. Die Gesprächsbereitschaft sehe ich jedes mal. Hier ist zwar die Gastfreundschaft hoch, aber in seinen geistigen Bereich lässt man andere nicht so leicht hinein. Dann sind da noch die banalen Dinge, die man schätzt. Die haben mit dem Geschmacks- und Geruchssinn zu tun. Du fährst hinauf und möchtest unbedingt im August eine grüne Wiese sehen und ein Würstel mit Kren auf dem Hauptplatz essen. Dabei mag ich gar keine Würstel. Die sinnliche Komponente wird wichtig und die Orte, die man gekannt hat.
Aufgezeichnet, redigiert und arrangiert von Wolfgang Haas. © Wolfgang Haas 2007

