Archive for Wolfgang Haas

Franz Raschbacher

aufgewachsen in Kalsdorf bei Graz
lebt in Veikkola bei Helsinki
Künstler, Architekt
www.pfpaja.fi

Das erste Mal bin ich 1990 nach Finnland gegangen, dann nochmals 1998 wegen der selben Frau. Die neue Beziehung dauert schon länger als die Pause dazwischen. Das ist merkwürdig. Die Pause hat so lang gedauert und jetzt habe ich gar nicht das Gefühl als wäre ich schon zehn Jahre da.


Familie. Die Tage sind so gleichförmig, dass du im Nachhinein denkst: Was hast du eigentlich gemacht? Wir haben einen vierjährigen Sohn zusammen – Anton. Die letzten drei Jahre war ich Hausfrau. Das macht diese zeitliche Dimension der Gleichförmigkeit schlimmer. Du kommst komplett durcheinander, weil die Tage so ähnlich sind. Du verlierst diese Punkte, wo du sagst ‘Ah ja, letzte Woche habe ich das und jenes gemacht.’. Wenn ich da an Graz denke, und das Studium: Da war das Projekt und dann das. Jetzt denkst du zurück und weißt: Irgendwann war das Kind klein und jetzt ist er ein bisserl größer. Aber was dazwischen war, ist irgendwie ein Graubereich ohne Punkte. Es gibt eine Gleichförmigkeit. Die ist andererseits auch irgendwie schön. Die Zeit, die mich der finnische Staat in Karenz gehen ließ, ist jetzt vorbei. Ich muss mir etwas neues überlegen. Ich habe ein Kulturstipendium bekommen, muss zeichnerisch wieder was tun und das Stipendium ist der Weg, der mich aus dem Hausfrauendasein und dieser Gleichförmigkeit wieder hinausführen wird. Wir werden sehen. Es ist eine Übergangsphase. Mein Sohn ist bei der Tagesmutter. Jetzt gibt es Zeit.

Ich lebe in Veikkola, einem Dorf im Einzugsbereich von Helsinki. Die Autobahn geht bis zum Dorf, das ist ähnlich wie in Graz Seiersberg. Für finnische Verhältnisse ist es groß. Ungefähr sechstausend Menschen wohnen hier, gleichzeitig merkt man das nicht, wenn man durchfährt. In Finnland erkennt man an der Anzahl der Supermärkte, wie viele Bewohner ein Dorf hat. In den Dorfzentren siehst du immer eine Tankstelle und dann gibt es Supermärkte. Gibt es nur einen, wohnen in den Häusern, die dort irgendwo im Wald verstreut sind, circa zweitausend Menschen. Gibt’s zwei oder drei Supermärkte, leben dort vier- bis sechstausend Menschen. Die Dörfer selbst treten in den Straßen räumlich nicht in Erscheinung. Dörfer im österreichischen Sinne, dass alle an einem Platz wohnen und rundherum die Felder sind, das ist in Finnland eher die Ausnahme.


Die Landschaft hier besteht aus Wald und Seen. Für einen Österreicher ist das am Anfang schlimm. Du hast keine weite Sicht. Der Horizont ist zehn Meter von dir entfernt, der Horizont, das sind die Bäume. Das hat damit zu tun, dass das Gebiet landwirtschaftlich nicht genutzt wird. Fährt man von hier auf der Landstraße nach Helsinki, hat man als Ausländer extreme Schwierigkeiten sich zu orientieren. Selbst mir geht es noch so, alles schaut unglaublich gleich aus.

Baulich sind die Dörfer merkwürdig weitläufig, sozial dafür sehr dicht. In Finnland gibt es vielleicht noch mehr Vereine als in Österreich. Ich glaube, das liegt daran, dass die kleinste Verwaltungsstruktur in Finnland der Bezirk ist, nicht das Dorf. Dörfer sind nur Bezirksteile ohne klare Grenzen, ohne Bürgermeister, ohne eigene Polizei und auch ohne Gemeinderat. Sie werden von der Bezirkshauptstadt aus verwaltet. In Südfinnland sind Bezirke relativ klein, aber im Norden ist dann die Bezirkshauptstadt fünfhundert Kilometer weg. Diese Strukturierung hat Vor- und Nachteile. Einerseits ist es wahrscheinlich billiger, die Verwaltung so zu organisieren, andererseits ist alles, was für die dorfspezifischen Anliegen gemacht wird, ehrenamtlich.
Das bringt mich zurück zur sozialen Dichte. Weil es keinen offiziellen Dorfverantwortlichen gibt, der politisch hierarchisch fixiert ist, hat sich eine starke Zivilkultur entwickelt. Menschen nehmen die Dinge selbst in die Hand – da gibt es Dorfvereine, die Dorfzeitung, den Dorfirgendwas, den Dorfdieses und -jenes. Die Leute kümmern sich selbst um die Agenden des Zusammenlebens.


Skandinavien hat den Ruf sozial fortschrittlich zu sein. Der ganze Schul- und Bildungsbereich und alles was mit der Unterstützung von Kindern zu tun hat ist exzellent organisiert. Das Gesundheitssystem hingegen ist katastrophal. Die Gesundheitsversicherung ist zwar billig, dafür ist aber das staatliche oder von der Kommune zur Verfügung gestellte Service verglichen mit Österreich minimal. Der Effekt ist, dass Finnen, wenn es nicht sein muss, nicht zum Arzt gehen. In Österreich – ich kann mich erinnern, wie wir klein waren: Wenn das Kind Fieber hat, rufst du den Arzt. Der kommt ins Haus, sagt, ‘Das Kind hat Grippe. Alles ok.’ und geht wieder. Hier gibt es das nicht. Du überlegst es dir zehnmal, bevor du zum Arzt gehst. Die Wartezeiten sind lang. Wenn du hypochondrisch bist, dann ist das furchtbar in Finnland.

Gibt es eine finnische Seele? Ich meine, Finnen sind kühler. Dass du in einem Laden mit Leuten kommunizierst, die du nicht gut kennst, gibt es in Finnland nicht. Das kann man sich als Ausländer erlauben, aber die Finnen selbst kommunizieren nicht so frei, dass sie plötzlich miteinander zu reden beginnen. Wenn du mit dem Bus fährst und du sitzt auf der Fensterseite und willst hinaus, dann sagst du nichts. Du schaust nur irgendwie so leicht in die Richtung, in der der andere sitzt und der versteht sofort und steht auf. Wenn jemand Wildfremder mit dir zum Reden anfängt, dann ist er betrunken. Zu neunundneunzig Prozent kannst du in dem Fall davon ausgehen, dass der, der dich anspricht, Ausländer ist oder betrunken, weil das so eine Hürde überspringt.
Es gibt auch eine irrsinnige Korrektheit. Wenn in meiner Verwandtschaft in Österreich irgendwer Arzt wäre, ruft man ihn an und der ruft jemanden an und dieser ruft den dritten an und dann hast du einen guten Platz irgendwo oder schnell einen Facharzttermin. Das gibt es hier nicht. Man stellt sich an. Genauso wie es in der Bäckerei und in der Bank, in der Bibliothek und beim Fleischregal im Supermarkt diese Nummern gibt, die du ziehst, so gibt es überall klare Wege und Reihenfolgen. Die hältst du einfach ein: Einer steht wo er will. Der zweite bildet schon eine Schlange. Der dritte merkt dann schon wo die Schlange ist und stellt sich dahinter an. Ich kann mich erinnern, in Österreich als Kind beim Schulbus – Österreich ist da traubenmäßig organisiert und in Finnland wird das sofort zur Linie.

Der Ausländeranteil in Finnland ist minimal. Ausländer leben fast nur in Südfinnland. Sonst ist es gleich wie in Österreich: Es gibt ‘gute’ Ausländer, Österreicher zum Beispiel gehören zu dieser Gruppe. Wenn du ein ’schlechter’ Ausländer bist, wenn du zum Beispiel aus Estland, Russland oder aus Afrika kommst, dann geht es dir gleich wie wenn du in Österreich ein ’schlechter’ Ausländer bist. Letztens waren wir in Mittelfinnland, wo unser Wochenendhaus steht. Dort halten sich die Leute im Dorf einen Künstler, einen Deutschen, so als Maskottchen. Es gibt in den Dörfern scheinbar ein zwei Ausländer, so Kulturmenschen, das ist scheinbar üblich. Ich falle auch unter diese Kategorie, weil ich hier in Veikkola für die Dorfzeitung Zeichnungen und Cartoons mache.

Der ursprüngliche Name meiner Cartoons war ‘Great Artists In Closeup’. Ich bin davon ausgegangen, jemand bemüht sich etwas Kulturelles hervorzubringen und merkt dann, dass da überhaupt nichts daraus wird. Die Cartoons waren ein Ventil, eine Möglichkeit darüber nachzudenken, was da eigentlich passiert, was passieren könnte und was nicht passieren soll. In der Zeit, in der ich sie gezeichnet habe, waren Dinge, die passiert sind, nicht so tragisch, weil ich sie gleichzeitig immer auch als Thema für einen Cartoon gesehen habe. Du hängst nicht herum und denkst destruktiv, wie du das jetzt irgendwie lösen könntest, sondern allein schon das Problem, dass du ein Problem hast, kannst du zum Thema machen. Das war für mich unheimlich gut. Ein Instrument, um zu schauen was passiert. Und wenn ich mir die Cartoons jetzt wieder anschaue, kann ich mich natürlich erinnern, was passiert ist.

Wir haben uns 1989 in Griechenland kennen gelernt. Ich habe gedacht, ich möchte mit ihr zusammenleben, habe in Graz die Wohnung aufgegeben, bin nach Finnland gegangen. Dann, nach zwei Monaten, war es vorbei. Wir haben den Kontakt abgebrochen. Irgendwann hat sie mir noch geschrieben, dass sie geheiratet und den Mann ihres Lebens gefunden hat. Acht Jahre später, ich habe in Graz gelebt, vielleicht zwei, drei Monate vor meiner Diplomprüfung, kam dann ein Brief von ihr. Sie schrieb mir, dass sie bald in Frankfurt sei, und ob wir uns nicht treffen könnten, weil Frankfurt ja in der Nähe von Österreich ist. Ich habe gedacht, na Wahnsinn, was will die jetzt. Dann hab ich ihr zurück geschrieben, dass ich zufällig um die Zeit in Weimar bin und wir uns treffen können. Was jetzt kommt, ist ein gutes Beispiel für eine finnische Strategie: Wir haben uns acht Jahre nicht gesehen. Dann haben wir einen Brief gewechselt in dem wir die technischen Details ausgemacht haben, wann und wo wir uns treffen. Dann treffen wir uns dort und ungefähr der zweite Satz, den sie sagt ist: Sie möchte jetzt mit mir leben.
Einfach so. Ich finde, das beschreibt gut finnische Frauen. Einfach so, zack und jetzt. Einen Moment lang war das in mir in Frankfurt natürlich ein hin und her, es war ein Wahnsinn. Ich mein, das kann man nicht machen – sie hat sich ja getrennt, ganz lange vorher, und da denkst du dann, ok, was will sie jetzt. Sie sagt das also, und es geht nicht, dass du sagst: Aha schön, ja ok, ja gut, machen wir das so. Es ist einfach überhaupt nichts passiert. Ich bin wieder heim gefahren – das war noch meine Zeit ohne Handy – dann bin ich in Regensburg aus dem Zug gestiegen, hab versucht eine Telefonzelle zu finden, hab sie angerufen, und gesagt ok, ich fahre nach Graz und am nächsten Tag komme ich wieder nach Frankfurt. Da war dann der Abstand groß genug. Ich hab nachdenken können, wir haben beschlossen, wir versuchen es noch einmal. Unser Versuch ist jetzt im zehnten Jahr. Das war gut und das ist der Grund weshalb ich da bin. Sollte die Beziehung nicht funktionieren irgendwann, die Wahrscheinlichkeit, dass ich in Finnland bliebe, wäre gering.

Aufgezeichnet, redigiert und arrangiert von Wolfgang Haas (KA21). © Wolfgang Haas, Franz Raschbacher 2007

Nina Ergin