Peter Erlach
Geboren 1978 in Graz
Lebt in Berlin
Graphic Fashion Design, Marketing
www.berlinkind.de
„Rechnest du damit, nach Graz zurück zu gehen?“
„Nein“, sagt Peter „aber ich rechne immer noch um in Schilling. Also ich rechne in zwei Schritten. Zuerst in Mark, dann in Schilling. Ein Euro sind zwei Mark, sind 14 Schilling. So musst du´s rechnen.“
Wir sitzen in Peters Küche, in der Nähe der Hackeschen Höfe, gleich ums Eck vom Rosenthaler Platz, wo es ein Café gibt, in dem man sich ohne Laptop nackt vorkommt. Selbst die Sandler, die aus der Winterkälte hereinschneien und ein paar Cent einstreifen, haben mehr Daseinsberechtigung. Es ist Jänner und Berlin grau bis zur Gefühllosigkeit, unter Bewältigung von Distanzen, die man sich in Graz in einem Monat nicht erradelt, ist man reduziert auf ein nasskaltes Bibbern - wieso fühlen wir uns eigentlich wohl in dieser Stadt?
„Es war eine 2-Tages-Bauchentscheidung, ja oder nein. Ich hab´s noch nie bereut. Ich bin mit zwei Taschen nach Berlin, das war am Anfang hart, wenn du wo landest, wo du niemanden kennst, wo dich die Leute anschauen, weil sie dich nicht verstehen, das war schon ein Cut. Berlin ist halt eine Riesenstadt mit über 3 Millionen Einwohnern, spannend ist die Geschichte, die überall zu spüren war. Es ist auch spannend, wenn man aus Graz kommt, die schöne Innenstadt, so eine schöne Stadt zum Aufwachsen. Und dann kommst am Bahnhof Zoo an, es ist Scheißwetter, du denkst an die Kinder vom Bahnhof Zoo, es ist grau, du siehst die hässlichen Gebäude, die überall rumstehen, da denkst dir, scheiße, wo bin ich jetzt? Man muss Berlin für sich entdecken, und im Sommer ist es ja anders. Wenn alles grün ist und man fährt an die Seen rundherum, dann ist Berlin ein Hammer. Aber wenn man frisch ist, muss man sich dran gewöhnen. Es gibt ja auch kein Zentrum, jeder bewegt sich in seinem Kiez, also Gebiet - in Berlin sagt man Kiez dazu - wo sich das Leben abspielt. Wie groß Berlin ist, allein von der Fläche, diese irren Distanzen.“
Plötzlich, wir stehen gerade in Peters Wohn-, Schlaf-, Arbeitszimmer und er zeigt mir die Frühlings-T-Shirt-Kollektion, kocht die Milch über. Bei Peter geht die Milch nicht über, sie kocht über, wenn er Geschichten erzählt, die deppert gelaufen sind, dann waren sie dumm gelaufen, etwa als er mit seiner Veranstaltung nicht im Programmbuch von springthree gestanden ist, weil die Veranstalter das irgendwie verschlammt haben. Und was er als Designer bedruckt, sind Klamotten. Während Peter die Kochplatte schrubbt, fällt mir ein österreichischer Rap ein – Sprachbarrieren von Texta.
Meckern is motschgern und motzn
Scheißegal is kupft wia g´hatscht
Wanst ins Norrnkastl schaust lebst du in einer Traumwelt
Peter Erlach hat die ersten 20 Jahre seines Lebens in Graz verbracht und spricht Deutsch wie ein Deutscher. Als er beim Grazer Springthree Festival 2003 den elektronischen Musikaustausch IN:STEREO03 veranstaltet, für den Puma Klamotten sponsert, werden er und ein paar Berliner DJs von einem Pumavertreter durch Graz gefahren. Eine halbe Stunde Sightseeing aus dem Auto, vorbei am Schlossberg („Da oben steht unser Wahrzeichen“), über die Mur („Das ist die Mur“), Richtung Seiersberg („Da ist das Pumalager“). Lässt man beim Kofferpacken den Mund wie er einem gewachsen ist, außen vor, wird einem schon mal die eigene Heimatstadt erklärt.
„Natürlich, das war schon lustig, wie wir da durch meine Heimatstadt gefahren sind und der denkt, du bist von auswärts. Da denkt man darüber nach, ist man schon so weit weg von seinen Wurzeln oder ist es aufgrund der Zeit, weil man passt sich einfach an, wenn man hier in Berlin studiert.“
Nein, man kann sich entscheiden.
„Wenn man beide Seiten kennt, kann man damit spielen. Am Anfang, hier in Berlin, da gibt’s Begriffe, die kennt man als Österreicher nicht, Sachen, die verstehst du nicht, genauso wie wenn man als Berliner nach Graz kommt. Man merkt, dass es zwei Sprachen sind und das Schöne ist, wenn man länger da ist, dann weiß man, was die Leute meinen und wie sie denken und kann dann auch damit rumspielen. Der Unterschied ist aber, wenn du in Graz bist und redest, dann heißt es – ah schau a Piefke -, das ist mir auch schon passiert – du redst ja wia a Saupreiss. Hier in Berlin ist das Denken umgekehrt, wenn du als Österreicher ankommst, heißt es – ach das klingt ja total süß, das ist ja nett, sympathisch - du hast einen besseren Stand, als wenn du als Deutscher nach Österreich kommst.“
Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit, steht auf Peter Erlachs Homepage. berlinkind lebt Berlin steht auch geschrieben. Graz – „ne superschöne Stadt, ich komm gern zurück, bin aber froh, wenn ich wieder wegkomm“ - würde ihm das, was er braucht, nicht bieten. Nein, es ist gar kein Thema, seine Freunde sind in Berlin. Zwischen Kaffee mit zunächst übergekochter, dann aufgeschäumter Milch und ein paar Schokoladen, habe ich vergessen, ihn zu fragen, ob er Berliner Kindl - Bier trinkt. Eigentlich ist er ja ein grazkind, oder könnte ein gösskind sein.
„Stimmt, eigentlich bin ich ein grazkind, aber dann müsst ich ja in Graz sein und grazkind klingt auch komisch. Dann hätte ich wahrscheinlich einen anderen Namen. Das ist schwierig mit dem Namen, weil viele glauben, ich bin in Berlin geboren, aber ich bin – wie die meisten hier – zugezogen. Die meisten interessiert das aber gar nicht. Ich find´s auch unwichtig, letztendlich geht es darum, wenn man sich wo wohl fühlt und längere Zeit da ist, dann hat man eine Heimat und wenn´s nicht der Ort ist, wo man geboren ist, dann ist das egal und dann kann man eben sagen, man ist ein Kind von diesem Ort, weil man da gerne ist. Deswegen bin ich ein berlinkind, weil ich seit acht Jahren hier lebe und das meine Heimat ist. Aber ich hab zwei Heimaten, meine alte und meine neue. Ich find beide gut. Alles wunderbar.“
Anna Katharina Laggner (kennwort:bergstation)


