Archive for Maria Motter

Dorit Chrysler

geboren in Graz
lebt in New York
Sängerin, Musikerin, Komponistin

doritchrysler.com

Wenn Dorit Chrysler aus dem Fenster schaut, sieht sie einen Hinterhof in Kopenhagen. „In diesem Jahr hatte ich so gut wie keinen All-Tag“, erzählt sie. In den letzten Monaten hat Dorit Chrysler in Frankreich, Finnland, in Schweden und Australien gespielt, hat in Kanada beim Ottowa Blues Festival gastiert und beim Electric Eclectics Festival, wo minimalistische elektronische Acts ebenso zu hören waren wie Alex Hacke von den Einstürzenden Neubauten.
„Doch soweit ich mich erinnern kann, beginnt ein gewöhnlicher Tag in New York frühstückend und Zeitung lesend auf einer Bank in der Sonne im Thomkins Square Park. Gefolgt von Besorgungen, einigen Stunden Musik, dann ein Dinner mit Freunden, gefolgt von einem Konzert.“
Dorit Chrysler ist Sängerin, Musikerin, Komponistin – und sie beherrscht die Kunst des Theremin-Spiels.

Beigebracht hat sich Dorit Chrysler das wunderbare, älteste
aller elektronischen Instrumente selbst.

„Ein guter Freund von mir ist so ein Meister des Analogen, der Trautonium, Ondes Martenot und all diese ersten elektronischen Instrumente des 20. Jahrhunderts repariert und baut. Er ist so ein Bastler. Wir haben eine Single gemeinsam gemacht: „Schlager on Parade“, das ist meine Revanche am Schlagerbusiness. Und er hatte ein Theremin zuhause und hat mir das demonstriert. Es ist ein wahnsinnig faszinierendes Instrument. So ungewöhnlich und dramatisch mit einem so eigenartigen wunderschönen Klang. Es ist so schwer zu spielen, so verpönt und verlacht. Du musst wahnsinnig viel üben und kannst es trotzdem nicht beherrschen und dadurch hat es so etwas Berührendes. Es ist ein Windmühlenkampf, aber wenn du die Töne erwischt hast du so eine Freude.

Ich habe mich in dieses Instrument verliebt. Es war gerade das Ende meiner Rockband, ich habe alleine Musik auf den Computern gemacht. Die digitale Revolution – da habe ich zuhause auf meinen Computern an der nächsten Platte gearbeitet und mich da durch den Morast der Softwares gekämpft. Das Theremin war so etwas Organisches, Lebendiges und Liebreizendes. Ursprünglich habe ich gedacht, ich spiele nur ein bisschen damit herum in den Pausen, ein wenig meditativ. Es ist auch gut, wenn man mit geschlossenen Augen übt und nur versucht, einen Ton zu halten. Dann war ich überrascht, wie viele Möglichkeiten es bietet.“

Vor kurzem hat Dorit Chrysler an der Sibelius-Akademie in Helsinki das bizarr-schöne Instrument Studenten nähergebracht. Doch schließlich sei es wie mit der Violine: Jeder muss seine eigene Technik entwickeln. Jeder hat eine eigene natürliche Position, wie man die Hand ruhig hält. Und man braucht viel, viel Geduld.

(c) Mrs. Lee

“Ich wollte immer, immer Musik machen und von der Musik leben. Aufgewachsen im gutbürgerlichen Graz war das nicht unbedingt ein ersehnlicher Berufsstand für die Eltern, und generell habe ich relativ schnell erkannt, dass der Berufsstand als Musiker in Österreich bis zu einem gewissen Grad auch sehr dubios ist. Klassische Musik und dann Teil eines Orchesters zu sein geht vielleicht noch, aber ansonsten schien es nicht gut, zeitgenössische Musik zu machen, was immer da an Genres – Rock, Pop oder auch Jazz – interessant war. Hier in Österreich zu sein und Englisch zu singen - das kam mir schon mal ziemlich blöd vor. Und ich dachte mir: Wenn schon, denn schon. Dann muss man das anständig erlernen oder zumindest anständig Englisch können. So hat es sich aufs Gradewohl ergeben, dass ich mit achtzehn nach der Matura ein Jahr nach New York ging. Ursprünglich als Au-Pair, aber schon mit dem Hintergedanken, Musik zu machen.

Nach dem einen Jahr New York bin ich nach Wien, habe Musikwissenschaften studiert, weil es mir als Frau wichtig war, dass ich das auf Papier habe, einen Titel habe. Aus rein emanzipatorischen Gründen fand ich es wichtig, Schwarz auf Weiß eine Erziehung nachweisen zu können. Sobald das erledigt war bin ich sofort wieder zurück nach New York gegangen. Das war wirklich eine Befreiung vom Gesellschaftsdruck hier in Österreich. Das ist keine Kritik an Österreich, sondern mein eigenes Problem, dass ich mich einfach hier nicht so frei gefühlt habe.”
Lawnchairs. Owen Sounds, Canada (c) Dorit Chrysler.

“In New York war hinter mir die Sintflut, da war diese Distanz zu den Gesellschaftsregeln dort. Und das war einfach wahnsinnig inspirierend, gleichzeitig auch beängstigend und dann auch eine dringend notwendige Lehrschule an Erfahrungen in jeglichem Bereich, wie man mit Leuten umgeht, wie man durch die Welt geht und eine extreme Perspektivenöffnung an Toleranz, philosophisch in jedem Lebensbereich. Das hat New York mir in den frühen Jahren wirklich geboten. Wobei ich am Anfang sehr unvorbereitet war und wirklich naiv auch oft auf die Nase gefallen bin und durch die harte Schule auch sehr schnell die Lektionen gelernt hab’.

New York ist schnell, hart und faszinierend. Ich wohne im East Village und genieße die Gegend. Sich auf einen Lieblingsort in dieser Stadt zu beschränken ist schwer, jedoch ist der Spaziergang über die Williamsburg Brücke immer besonders schön.“ Chryslers beste Freunde sind überall auf der Welt zuhause. „Nach Graz kehre ich regelmäßig und immer gerne wieder zurück. Ich verbringe derzeit durch ständige Tourneen ungefähr gleich viel Zeit in Europa wie in den Staaten.“

“Ich kam in die USA und hatte nur einen Touristenstatus. Ich hab gekellnert und diverse Aktivitäten, aber das ging damals irgendwie schon einigermaßen. Ich habe damals im East Village gewohnt – 1986 war mein erstes Jahr und dann 1989 – und da war eine unglaublich gesunde, kreative Künstlerstimmung dort. Man kam man auch mit sehr wenig Geld aus. Das war wirklich so ein Bilderbuch der Bohemian Welt. Man hat zusammen gewohnt und sich gegenseitig unterstützt. Das hat gut geklappt. Ich glaube, das wäre dieser Tage in New York schon viel schwerer – obwohl der Dollar jetzt ja wenig wert ist –, aber es sind dann so viele Reiche in die Stadt gezogen, die Mieten so gestiegen, dass das jetzt viel schwerer wäre, da einfach so Überleben zu spielen.

Und es war musikalisch auch so wichtig, denn ich wollte Musik machen. Ich habe auf Tausende Annoncen geantwortet, wo Sänger gesucht wurden. Auf Auditions zu gehen, die auf einem ganz anderen, super knallharten, professionellen Level waren, den ich noch nicht kannte, war unheimlich peinlich und erniedrigend, aber auch unheimlich lehrreich. Da hatte ich jeweils fünf Minuten, um meine musikalische Version von allen möglichen musikalischen Genres vor fremden Leuten zu präsentieren, die da kritisch saßen und zuhörten. Da wusste ich oft wirklich nicht, was tun. Auf die schnelle Art und Weise hat man gelernt, sich zu definieren und was man eigentlich tun will. Ich habe mit Amerikanern gemeinsam Musik gemacht, auch die richtigen dazu gefunden. Das ist ein ganz anderer Level. Es gibt keine staatlichen Förderungen und du bist so gut, wie viele Leute kommen und zahlen, um dich anzuhören. Und da musst du wirklich etwas liefern. Das war eine gesunde Schule.”

Weltweit gibt es nicht mehr als zehn, fünfzehn Theremisten, die vom Blatt Melodien spielen können. Man kennt sich untereinander, nicht zuletzt durch die von Dorit Chrysler gegründete “New York Theremin Society”. “Am Anfang schrieb die Village Voice: ‘Zehn Theremin-Spieler - wer will sich dieses Gekreische anhören?’”, erzählt Dorit Chrysler. Dann war jedes Konzert ausverkauft. Auf Einladung der L.A. Philharmonic hat sie vergangenen Mai zusammen mit neun Kollegen Leon Theremins reines zehnköpfiges Theremin Orchester gespielt. Wie 1932, wo die Komposition in der Carnegie Hall uraufgeführt wurde, kamen zehn Theremisten zusammen. Drei Tage wurde in der Disney Hall in Los Angeles geübt. “Wir hatten einen Dirigenten und haben hart gearbeitet, da sind einem die Ohren fast abgefallen. Teilweise hat es so schauerlich geklungen, dass wir dachten, es wird nie klappen”, sagt Chrysler. Kommen mehrere Theremine zusammen, kann es technische Probleme geben, wenn sie sich gegenseitig durch ihre Frequenzen übersteuern. Letztendlich kam der große Moment: Fünfzehn Minuten lang spielten die Kenner der “Ätherwellengeige” ganz leise und zart die Arrangements.

Auch in Europa hat die Musikerin und Komponistin einen Theremin-Verein gegründet. Sitz ist in Graz, Chryslers Geburtsstadt. Bislang gab es nur eine Generalversammlung. Die Theremin-Virtuosin ist viel unterwegs. Gibt es etwas in Graz, das sie vermisst? Ihre Familie und goldene Septembertage. Was braucht es für Zufriedenheit? “Den Liebsten und das Theremin.”

Dieses Jahr wird Dorit Chrysler live u.a. bei der Berlin Biennale zu erleben sein. Ihr nächstes Album ist beinahe fertig. Das Theremin wird darauf teilweise nur peripher ertönen und Platz für Singer-Songwriting lassen.

Clemens Krauss

geboren in Graz
lebt in Berlin
Kunst, Malerei

www.clemenskrauss.com

Clemens Krauss kann der Frage nach seinem Geburtsjahr nicht viel abgewinnen. “Bezogen auf die gesamte Kulturgeschichte sind wir momentan sowieso eine Generation. Egal, ob man jetzt drei Jahre alt oder neunzig ist. Da sind lächerliche 87 Jahre dazwischen. Aber gerade in der Kunstszene sind derzeit alle so gierig auf die Jugend: man muss jung sein und muss noch marktfrisch sein – das finde ich teilweise so respektlos. Ich erinnere gerne an Leute wie Louise Bourgeois, die erst mit fünfzig berühmt wurde. Oder an wirklich gute Künstler wie Maria Lassnig in Österreich, die 88 ist. Die Frage nach dem Alter ist in Wirklichkeit ziemlich belanglos, das ist, wie wenn man nach dem Gewicht oder der Körpergröße fragt.”

Selbstportrait im Atelier in Berlin, Juni 2007 (c) Clemens Krauss

Für seine (zeitlich betrachtet) kurze Biographie ist Clemens Krauss bereits beachtlich lange in der professionellen Kunstwelt zuhause. Er hat Silikon als Malmittel entdeckt, am Central St. Martins College of Art and Design in London, das man nicht nur aus Pulp’s „Common People“ kennt, und an der Universität der Künste in Berlin studiert. In seinen Arbeiten beschäftigt sich der gebürtige Grazer u. a. mit dem Körper als einem Ort, an dem sich Identität, Individualität, Politik und Gesellschaft niederschlagen (im Februar 2008 erscheint das Buch „Das Körperkörper-Problem“, Verlag Walther König).

Mit dem 1893 geborenen, 1954 verstorbenen Wiener Dirigenten Clemens Krauss ist Clemens Krauss nicht verwandt. „Als Kind hat mich das immer ein bisschen beflügelt, wenn ich nach ihm gefragt worden bin“, erzählt der Maler Krauss. „In Salzburg gibt es eine Clemens Krauss-Straße und ich warte halt nur-“ unterbricht er sich schmunzelnd. „Dort müsste man sich eine Wohnung kaufen.“ Clemens Krauss, Clemens Krauss-Straße… Seine Arbeit ist im Prinzip nicht an Orte gebunden, sagt Krauss. “Ich brauche nur Ruhe zwischendurch, solche Biotope schaffe ich mir an den jeweiligen Orten – etwa bei meinen Atelieraufenthalten in São Paulo und Sydney dieses Jahr oder in Tokyo nächstes Jahr. Das Herumkommen ist demnach gleich wichtig wie das Von-wo-Herkommen.”

“Das einzige, was mir vor längeren Aufenthalten Sorge bereitet, ist nicht, wo ich schlafen und wo ich mein Essen kaufen werde, sondern dass ich die Materialien bekomme, die ich brauche. Welche Grammatur die Leinwand hat und welche Holzarten für den Leinwandbau zur Verfügung stehen, welche Ölfarben und Farbtypen es gibt, kläre ich möglichst vorab. Das ist mir ganz wichtig. Das sind meine Instrumente. Ich kann mit einer schlechten Ölfarbe mittlerweile nicht mehr arbeiten. Ich könnte, doch das würde mich unglücklich machen.” Nach Brasilien ließ Krauss seine Materialien zu Beginn dieses Jahres schiffen.

“In São Paulo hatte ich ein Atelier angeschlossen an das Museo Paço das Artes im Universitätskomplex. In meiner Arbeit geht es viel um Körper und Posieren in jeweiligen politischen, sozialen oder kulturellen Kontexten. Wenn man nun in so einem anderen Umfeld lebt, dann gleicht sich irgendwann die Wirklichkeit der eigenen Klischeevorstellung korrigierend an – oder umgekehrt. Das hat mich - gerade in Brasilien - besonders beeindruckt.

Ich lasse mich recht schnell auf das fremde Umfeld ein. Etwa auf das Essen, auf die Musik, auf die politische Situation eines Landes und natürlich auf die Sprache. Ich kaufe dann prinzipiell nur hiesige, kaum internationale Zeitungen.” Was Clemens Krauss auch bei kürzesten Flugstrecken mitnimmt, sind seine Laufschuhe. Laufend wird neue Umgebung erkundet.

S.M.A.K. Gent (c) Clemens Krauss

“Ich war in letzter Zeit bei Hochzeiten von alten, sehr guten Freunden in Österreich. Dazu muss ich sagen, dass ich alles andere als unversöhnt mit meiner Herkunft bin. Ich bin viel zu glücklich damit, wo und woran ich jetzt bin – und genauso glücklich bin ich auch auf Besuch in Graz. Das ist überhaupt kein Thema. Aber was ich merke, ist, dass ich mir in den letzten sechs, sieben Jahren eine gewisse Art des Denkens und von Wichtigkeiten verinnerlicht habe. Außenwahrnehmungen sind mir nicht mehr so wichtig. Das klingt zunächst wie eine Behauptung, aber es fällt mir vermehrt an mir selbst auf und ich erinnere mich noch gut, wie das am Gymnasium und am Anfang des Studiums war: wer wichtig war und wer nicht und wie die anderen einen sahen – eine typisch kleinstädtische Eigenheit - das hat sich mit Sicherheit in eine andere Richtung verschoben. Ich habe jetzt in erster Linie vor den Leistungen und Errungenschaften anderer Menschen Respekt. Das hat viel weniger mit Standesdünkeleien zu tun. Diese Unvoreingenommenheit ist schon etwas, das der Kunstszene speziell innewohnt. Auch deshalb würde ich sagen, ich bin in dieser Welt zuhause.”

Der Berliner Fotograf Bernd Borchardt fotografiert meine Arbeiten im Atelier, Dezember 2005 (c) Clemens Krauss

“Das Umfeld, in dem man sich bewegt, prägt man selbst auch, indirekt und unbewusst, mit. Wenn ich nicht das Gefühl hätte, dass dieses Umfeld mir mittlerweile sehr entspricht oder ich diesem Umfeld auch entspreche, könnte ich gar nicht so arbeiten, wie ich arbeite. Diese speziellen Umfelder suche ich dann immer wieder an den jeweiligen Aufenthaltsorten. Beispielsweise auch, wenn ich in Graz bin. Dann zieht es mich mehr an die künstlerischen Ecken – die es vor wenigen Jahren in der Form noch gar nicht gab – wie in die Postgarage oder ins Palais Thienfeld (das es mittlerweile nicht mehr gibt) und das ganze Viertel um das Kunsthaus – als zum Beispiel ins Café Harrach, wo ich als Student dauernd war.

Mich hat es immer hinausgezogen, schon als Schüler und Student. Die Entscheidung, endgültig wegzugehen beruhte auf der Erkenntnis, dass sich der Beginn einer künstlerischen Tätigkeit wohl kaum in Graz verwirklichen lässt. Als junger Suchender braucht man schnell den entsprechenden Kontext, möglichst viele Gleichgesinnte und andere Verrückte und ein neues, zunächst unvertrautes Umfeld.” Nach der Matura studiert Clemens Krauss in Graz. Über einen kurzen Umweg über Wien landet er 2001 in Berlin. “Von 2003 bis 2004 habe ich in London gelebt und seit Ende 2004 bin ich wieder hier in Berlin. Zurückgekehrt sozusagen.”

Arco Madrid (c) Clemens Krauss

“Der Freundeskreis von früher hat sich zu einem kleinen Kreis verdichtet. Neue Freunde aus den letzten Jahren gibt es in verschiedenen Städten, aber gemeinsam Kind gewesen zu sein teilt man eben nur mit wenigen Menschen.”
Wäre das ganze Jahr Weihnachten, würde Clemens Krauss eine Rückkehr in die Stadt an der Mur in Erwägung ziehen. Eine charmante Bedingung. Ob es Dinge oder Orte in Graz gibt, die er vermisst? “Puntigamer Bier geht mir ab und der Geruch meines Kinderzimmers.”